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Es war einmal / One upon a time

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Cologne Mediapark ©Claire Mesnil

Es war einmal ... als die Leute noch glaubten, es gäbe ein Virus und die ganze Welt zum Stillstand zwang. Die Menschen hatten mit einem Mal viel Zeit zu denken. Manche öffneten die Augen weiter und nahmen wieder Dinge wahr, die sie längst vergessen hatten. Manche dachten auch neue Dinge, über sich selbst und die Welt und beschlossen, dass Neuanfänge ein Heilmittel sein können. Manche jedoch dachten nichts, weil nichts an Substanz da war, mit dem sie das hätten tun können. Viele taten nichts, weil sie nicht wussten was und wie. Folglich langweilten sie sich Tag für Tag in ihrer Sehnsucht nach dem, was gewesen war, nach ihrem Gestern. Und je länger die Zeit der Stille um sie herum dauerte, in der ihre Langeweile immer lauter wurde, desto wütender wurden sie. Auf das Virus. Als es hieß, das Virus würde nun erstmal bleiben, wurden sie wütend auf die, die sowas sagten. Ihr altes Leben wurde immer kleiner, drohte ganz zu verschwinden. Es festzuhalten ging nur, indem man das Hindernis ausblendete. So verschwand in ihrer Welt das Virus von der realen Bühne und wurde zur Märchenfigur. Da das Virus nun nicht mehr real existierte, sondern schon immer ein Phantasieprodukt gewesen war, gab es auch keine reale Gefahr. Da es keine reale Gefahr gab, waren alle Maßnahmen zu seiner vermeintlichen Bekämpfung, feindliche Übergriffe vom Staat in das private Leben mit dem Ziel, alle zu knuten und zu knechten. Die Sehnsucht nach dem alten Leben bekam einen Kumpanen: die Wut der Entschlossenheit. Sie würden nicht wie alle blöden Vasallen von ihrem alten Leben lassen, sie würden es sich zurückerobern, koste es was es wolle. Ihre Stimmen durchbrachen die Stille, wurden lauter, fordernder, unüberhörbar. Ihrem Druck wurde nachgegeben, und die Stille verschwand, die Tür zum Alltagslärm zögerlich geöffnet. Wie eine Wanne gefüllt mit abgestandem Wasser, aus der man den Stöpsel zieht, blubberte es ungehindert durch die Abflussrohre. Und ergoss sich von der Kanalisation in die Straßen. Fand sich zu Protesten gegen Rest-Beschränkungen - gegen das Virus, gegen die Politik, gegen die Weltverschwörung; forderten die noch nicht Erleuchteten auf, ihren Mundschutz abzunehmen und ohne Masken die Geschäfte zu betreten #ksta09052020.

Die Nicht-Erleuchteten begannen, sich von ihrer Hoffnung zu verabschieden, dass auf geistigem Brachland in der Stille doch Verstand habe siedeln mögen.

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Once upon a time... ...when people still believed there was a virus that brought the whole world to a standstill. People suddenly had a lot of time to think. Some opened their eyes wider and again perceived things they had long forgotten. Some also thought new things, about themselves and the world and decided that new beginnings could be a cure. Some, however, thought nothing because there was no substance to do so. Many did nothing because they did not know what and how. As a result they were bored day after day in their longing for what had been, for their yesterday. And the longer the time of silence around them lasted, in which their boredom grew louder and louder, the angrier they became. About the virus. When it was said that the virus would stay for longer, they got angry at those who said so. Their old life was getting smaller and smaller, almost disappearing. The only way to hold on to it was to block out the obstacle. So in their world the virus disappeared from the real stage and became a fairy tale character. Since the virus no longer existed in reality, but had always been a fantasy product, there was no real danger. Since there was no real danger, all measures for its supposed control were hostile attacks from the state into private life with the aim of enslaving everyone. The longing for the old life got a companion: the fury of determination. They would not let go of their old life like all stupid vassals, they would take it back at any cost. Their voices broke the silence, became louder, more demanding, unmistakable. Their pressure was given in and the silence disappeared, the door to everyday noise was opened hesitantly. Like a bathtub filled with stale water, from which the plug is pulled, it bubbled unhindered through the drains. And poured from the sewers into the streets. It found itself protesting against remaining restrictions - against the virus, against politics, against the world conspiracy; calling on those not yet enlightened to take off their masks and enter the shops without it #ksta09052020. The non-enlightened ones began to say goodbye to their hope that reason might have resided on spiritual wasteland in the time of silence.

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